Ein Schriftentwurf für kleine Grade
In den folgenden Sätzen wird versucht zu erklären, warum die formica in kleinen Graden besser lesbar ist als andere Schriften und wie ihre Form zustande kommt. Die Beispiele am Rand versuchen dies zu verdeutlichen.
grundlegendes Zu Zeiten des Bleisatzes wurde jede Schrift nur in wenigen Graden geschnitten und für diese speziell abgestimmt. Jeder Buchstabe wurde für seine Einsatzgröße optimiert. Heute sind Schriften beliebig skalierbar und werden oft für Aufgaben eingesetzt, für die sie ursprünglich nicht gestaltet wurden.
Beim Lesen erfasst unser Auge keine einzelnen Buchstaben, sondern das Wort als Ganzes. Die Form wird im Gehirn blitzschnell mit bereits gesehenen Formen verglichen.

Das ist in etwa wie mit dem Steckwürfel für kleine Kinder. Quadrate passen nur durch die dafür vorgesehene quadratischen Öffnungen, die Kugel nur in die runde Öffnung. Passt ein Wort durch die ›typografische Öffnung‹ wird es erkannt.

Hohe Prägnanz = Gute Lesbarkeit
Das Zeichensystem Schrift baut auf einem festen Gerippe auf, das wir uns in Wortbildern eingeprägt haben. Alles, was um dieses Gerüst herumgebaut wird, gibt der Schrift ihren Charakter und beeinflusst damit ihre Lesbarkeit und die Erfassung der Zeichen.
Der Buchstabe n ist auch einer der Schlüsselbuchstaben bei der Zurichtung der Schrift.

Er beeinflusst mit seiner Form nicht nur die horizontale Ausdehnung der einzelnen Buchstaben, sondern auch den Abstand der Typen zueinander und damit die Laufweite der gesamten Schrift.

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kriterien Um eine Schrift für kleine Grade zu zeichnen, müssen die Gestaltungskriterien für diese Anforderungen definiert werden. Begonnen wird mit Buchstaben, die am meisten über den Entwurf aussagen. Am kleinen n lassen sich die Ansätze zur Formgebung der Schrift gut ablesen. Eine Schrift für geringe Punktgrößen braucht...
... eine hohe Laufweite der Buchstaben und der Schrift. Sie verhindert das optische Zusammenfließen nebeneinander stehender Buchstaben und deren senkrechten Strichen. Durch die Weitläufigkeit entstehen große Punzen, die zur Erhaltung eines klaren Wortbildes beitragen. Die sich ergebende horizontale Betonung der Schrift akzentuiert die Leserichtung und unterstützt so den Lesefluß.
... eine hohe Mittellänge. Diese lässt die Schrift größer wirken. Entsprechend machen kurze Ober- und Unterlängen das Wortbild kompakt und geschlossen.
... ausladende Anstriche. Sie garantieren die für kleine Grade besonders wichtige Prägnanz des Schriftzeichens. Die Ausrichtung zum vorangegangenen bzw. folgenden Buchstaben gibt der Schrift einen flüssigen Charakter und erhöht so ihre Lesegeschwindigkeit.
... tiefe Einschnitte an den An- und Abstrichen. Sie erhalten die Formprägnanz bei optischer Unschärfe in kleinen Graden und bei schlechten Druckverhältnissen.
... offene Buchstabenformen. Je offener der Buchstabe gestaltet wird, desto geringer ist die Gefahr, dass er sich bei schlechtem Druck oder im kleinen Grad optisch schließt.
Die Keile und Punzen der Bell Centennial sind für das verwendete Papier und das angewandte Druckverfahren optimiert, um in kleinen Graden die größtmögliche Lesbarkeit zu garantieren. Beim Drucken füllt die Farbe die starken Einschnitte. Sie verschwinden und das Schriftbild wirkt gleichmäßig.
vergleich Schriften wie die »Bell Centennial« von MATHEW CARTER versuchen das Problem des Zulaufens über extreme Einschnitte zu lösen. Sie wurde beispielsweise für die englaufenden Spalten des amerikanischen Telefonbuches entworfen.
Die formica begegnet dem Verklumpen durch eine Verjüngung des Striches zum Stamm hin. Diese Art der Formgebung kompensiert das Andicken der Schrift überall dort, wo zwei Striche aufeinandertreffen. Die horizontale Betonung der Zeichen trägt außerdem dazu bei, dass die Verdickungen gleichmäßig auf den gesamten Buchstaben verteilt werden. In kleinen Graden verschwindet dieser Strichstärkenkontrast und das Schriftbild wirkt optisch gleichmäßig.
Das gefundene Form-Prinzip einer Schrift muß auf alle Buchstaben übertragen werden. Je besser dies gelingt, umso harmonischer und gleichmäßiger wird letztendlich das Wortbild.

An Antiqua-Schriften (hier die Times) funktioniert dieses ‹Zitieren› durch weit mehr als nur durch die Stärke des Striches und seine Endung. Hier sorgen der starke Strichstärkenkontrast und die ähnlichen Serifen für eine prägnante und deutliche Zugehörigkeit.
alphabet Nachdem sich der Charakter der Zeichen bei den Kleinbuchstaben herauskristallisiert hat, erfolgt die Übertragung auf die Versalien. Hier besteht die Schwierigkeit darin, dass die Großbuchstaben eine andere Formsprache als die Gemeinen sprechen. Bei der Gestaltung zeigt sich deutlich, dass sich Groß - und Kleinbuchstaben getrennt voneinander entwickelt haben und auch nach fast 1300 Jahren immer noch nicht recht zusammengehen wollen. Da die Homogenität des Schriftbildes bei Groteskschriften aus der Form des Striches kommt, wird versucht, den Charakter der An- bzw. Abstriche zu übernehmen.
Für gewöhnlich ist das große i leicht kleiner als das kleine L und der Stamm des großen i leicht angedickt. Eine prägnantere Differenzierung macht aber besonders in kleinen Graden Sinn.

Der zusätzlich geschaffene Weißraum, der durch die angesetzten Striche entsteht wird durch die hohe Laufweite kompensiert. Die Wörter fallen nicht auseinander.
i oder I ? l oder L? Das sind die Buchstaben, die es in einer Grotesk schwer haben, da sie leicht verwechselt werden können. Daher wird an die Buchstaben ein senkrechter Strich angesetzt. Er stört die Symmetrie und grenzt die Buchstaben in ihrer Formsprache mehr voneinander ab.
Überschneidungen, die zu Verklumpungen führen könnten, wie z.B. bei der Ziffer 8, werden bewusst vermieden.
Auch bei den Ziffern wird das Prinzip der Verjüngung angewandt. Der Schriftfont beinhaltet Mediäval-Ziffern, da sich diese auf Grund der Ober- und Unterlängen besser voneinander abheben und für ein kontrastreicheres Wortbild sorgen.
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Die Sonderzeichen stellen eine Besonderheit dar. Sie sind nicht den strengen Lesegewohnheiten des Alphabetes unterworfen. Sie werden eher selten verwendet und ihr Wortbild, ihre Erscheinung hat sich daher noch nicht so stark als Schablone eingeprägt. Sie können freier gestaltet werden, müssen aber die Formsprache des Entwurfes zitieren, um die einheitliche Erscheinung zu garantieren.
Die Ameise gehört zur Gattung der Insekten. Sie erreicht eine durchschnittliche Größe von sechs Millimetern. Sie verfolgt und fängt jedes für sie erreichbare Lebewesen. Auf jeden Menschen, der auf unserem Planeten lebt, kommen über eine Million Ameisen.
namensgebung ‹formica› kommt aus dem italienischen und heißt Ameise. Die im Font integrierte Ameise dient als Maßstab für die Schriftgröße. In 5 pt. nimmt sie ihre eigentlichen Maße ein und wächst bzw. verkleinert sich je nach eingesetzter Punktgröße. So hat der Anwender immer ein Vergleichsobjekt, dass ihn daran erinnert, für welchen Zweck die Schrift gestaltet wurde, nämlich für die Größe einer Ameise.